Kursziele sind der Köder - mehr nicht
Wissen Sie, was Windhundrennen und Börse gemeinsam haben? Bei beiden gibt es einen Köder. Bei Windhundrennen handelt es sich um die Attrappe in Form eines Hasen. Bei der Börse erfüllen Kursziele diese Aufgabe.
Irgendwie sind Windhundrennen gemein, denn der Hund schafft es niemals, den Hasen zu erwischen. Gut so, werden Tierschützer einwenden, denn der Hase ist ein falscher Hase und daher nicht zum Verzehr geeignet.
Natürlich hinkt dieser Vergleich von Windhundrennen mit der Börse etwas, aber der Umgang mit Kurszielen ähnelte in der Vergangenheit oft dem beschriebenen Beispiel des Hundesports. Immer neue Kursziele werden ausgegeben, sobald alte Zielmarken erreicht wurden.
Unternehmensbewertungen sind wichtig, man muss sie nur verstehen
Am besten dürften die Unternehmensbewertungen von ausgebildeten Analysten und Wirtschaftsprüfern sein. Für die Analysten gibt es Berufsverbände, die sich um die Ausbildung der Berufsgruppe und die Einhaltung von Qualitätsstandards bemühen. Das sind Kenntnisse der Analysten über die üblichen Analysemethoden zum Vergleich von Objekten also zum Beispiel Unternehmen oder Wertpapieren.
Mit Hilfe von ausgeklügelten Verfahren bewerten Analysten börsengelistete Konzerne und werden dabei tatkräftig von den Unternehmen selbst unterstützt, indem sie das Zahlenwerk zur Verfügung stellen und Fragen der Analystenzunft grundsätzlich sehr offen gegenüberstehen. Die Analysten berechnen beispielsweise einen fairen Wert für das Unternehmen, wobei die Branchenbesonderheiten durch Vergleich mit den so genannten “Peers” berücksichtigt werden. Dadurch vermeiden Analysten den Vergleich von Äpfeln mit Birnen (Banken ticken beispielsweise anders als Industrieunternehmen) und schaffen eine ganze Menge Transparenz bei der Bewertung. So weit, so gut.
Grundsätzlich sollte man wissen, dass es natürlich eine ganze Menge von objektiv nicht bewertbaren Assets von Unternehmen (Imagewerte, Marken, Patente) gibt, deren Wert geschätzt werden muss. Dabei verwenden Analysten beispielsweise Zu- oder Abschläge bei der Bewertung. So könnte ein Food-Unternehmen, das im Vergleich über besonders gut eingeführte Markennamen verfügt, einen Bewertungsbonus von einigen Prozent gegenüber Konkurrenten erhalten. Hieran sieht man, dass trotz aller zugrunde liegenden Unternehmensdaten durchaus ?gefühlte Werte? eine Rolle spielen können. Man bezeichnet das auch als Bewertungsspielräume.
Seien Sie skeptisch bei Kurszielen…
An der Börse interessiert sich nun jedoch niemand für eine solche Zeitpunktbewertung. Daher versuchen Analysten, den Unternehmenswert unter bestimmten Annahmen in die Zukunft fortzuschreiben, woraus sich dann Kursziele ergeben. Vorsichtige Analysten geben meist eine Spanne an, die ein Ausdruck für eine gewisse Unsicherheit bei der Analyse ist - das ist zumindest fairer, als ein punktgenauer Wert, der eine nicht vorhandene Genauigkeit ausdrückt.
Kursziele sind wichtig für das Börsengeschehen, schließlich wünschen sich viele Anleger Orientierung. Begründet ermittelte Kursziele können daher durchaus ein solcher Orientierungsmaßstab sein. Anleger sollten allerdings vermeiden, eine Aktie zu kaufen, weil ein angegebenes Kursziel 50 bis 100 Prozent Luft nach oben lässt. Aus der Vergangenheit können wir diesbezüglich eine Menge lernen.
…und achten Sie darauf, wer Ihnen was rät
Wer gibt warum welches Kursziel aus? Kennen Sie noch den Internetanalysten-Guru Henry Blodget?
Er war zu Beginn des Internetbooms zum Chefanalysten von Merrill Lynch aufgestiegen, da er scheinbar die Kurse an der Börse bestimmen konnte. Für das Internetunternehmen Amazon rief Blodget im Herbst 1998 das scheinbar absurd hohe Kursziel von 400 Dollar aus. Der Online-Einzelhändler benötigte nach einer rasanten Rallye dann tatsächlich nur zwölf Tage, um die Zielmarke des Internet-Messias zu erreichen. In der Folge hatte er schnell eine große Anhängerschaft hinter sich gebracht und wurde von Börsianern und Journalisten gleichermaßen verehrt.
Nach dem Aufstieg folgte die Verbannung
Nach dem Platzen der Dot.com-Blase ging auch Blodgets Stern schnell unter. Als interne Mails auftauchten, in denen Blodget von ihm empfohlene Unternehmen als Schrott bezeichnete, war seine Karriere endgültig ruiniert. Das Vergehen kostete Blodget vier Millionen US-Dollar und brachte ihm ein Arbeitsverbot an der Wall Street ein. Doch Blodget könnte zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung ein Comeback feiern. Zuletzt riet der Enddreißiger in seinem Weblog mit dem viel sagenden Titel Internet Outsider nämlich sehr öffentlichkeitswirksam von Börsenhighflyer Google ab und nannte gar ein denkbares Kursziel von 100 Dollar!
Falls Blodget mit seinem diesmal pessimistischen Kursziel Recht behält, könnte die Wall Street ihren einstigen Liebling vielleicht schon bald wieder mit offenen Armen empfangen. Das dürfte in etwa so wahrscheinlich sein, wie die Prognose, dass Christoph Daum irgendwann aus dem Exil in der Türkei zurückkehrt und wieder Trainer beim 1. FC Köln wird…[Manchmal stimmen Vergleiche offenbar nicht: Inzwischen war Daum zurück in Köln und ist bereits wieder gegangen! Blodget hatte weniger Glück: Die Google-Aktie hat sich seit seiner Prognose bis über 700 US-Dollar nach oben geschaukelt. Thorsten Cmiel im September 2009]






